Neue Lösungen suchen

02.11.2015 | News

Bild von Jürgen Tzschoppe

Die Energiemärkte sind im Umbruch. Für Jürgen Tzschoppe ist es dennoch der perfekte Zeitpunkt, um bei Statkraft den Geschäftsbereich Market Operations & IT zu leiten.

Wir befinden uns mitten in einer Energiewende. Menschen ohne Kenntnisse über Energieerzeugung montieren Solarzellen auf ihren Häusern und Batterien an ihren Wänden. In nur 14 Jahren hat sich die Gesamtleistung aus Photovoltaikanlagen weltweit um den Faktor 100 multipliziert. Die Powerwall-Batterie für den Hausgebrauch des Autoherstellers Tesla erreichte im Laufe von nur einer Woche einen Umsatz von erstaunlichen 706 Millionen EUR. „Hinter den Umwälzungen auf dem Strommarkt stehen drei wichtige Antriebe“, sagt Jürgen Tzschoppe. Er klingt optimistisch, wenn er die Veränderungen in den europäischen Energiemärkten erklärt. „Erstens führt der Klimawandel dazu, dass die Menschen umdenken. Zweitens haben neue Lösungen es möglich gemacht, dezentral erzeugte Energie statt Energie aus dem Stromnetz zu wählen. Und drittens sind die Verbraucher daran interessiert, eigene Lösungen zu finden.“

An zwei Orten zuhause

Tzschoppe kannte sich bereits sehr gut mit dem beginnenden deutschen Energiewandel aus, als er 2002 bei Statkraft begann. Er ist der einzige Nicht-Norweger im Vorstand von Statkraft. Mit seiner langjährigen Erfahrung aus dem Düsseldorfer Büro bringt er die besten Voraussetzungen für die neue Aufgabe mit. Neben Oslo ist Düsseldorf einer der wichtigsten Standorte der Statkraft-Gruppe. Etwa 200 der 600 Mitarbeiter bei Market Operations & IT haben arbeiten im Büro in Düsseldorf. In den vergangenen zehn Jahren ist Tzschoppe zwischen Düsseldorf und Oslo gependelt. Im nächsten Sommer ziehen seine Frau und die zwei Kinder mit ihm in die norwegische Hauptstadt. Bis dahin wird er sich weiterhin zwischen den beiden Städten hin und her reisen. „Das Pendeln ist etwas angenehmer geworden, weil ich jetzt eine kleine Wohnung in Oslo habe, die mein zweites Zuhause geworden ist. Ich freue mich wirklich darauf, zusammen mit meiner Familie nach Oslo zu ziehen.“

Doktor in „Energiewende“

Jürgen Tzschoppe schrieb seine Doktorarbeit als die Windenergie gerade Fuß fasste und die Energiewende noch in den Kinderschuhen steckte. Als er an der Universität arbeitete, half er deutschen Bauern dabei, ihre Windkraftanlagen gegen den ausdrücklichen Willen der Netzeigner ans Stromnetz anzuschließen. Er berechnete, wie viele Turbinen verknüpft werden können, bevor neue Übertragungsleitungen gebaut werden müssen. Das Wichtigste war, die an den Traditionen klebenden Skeptiker davon zu überzeugen, dass dies der richtige oder zumindest ein akzeptabler Weg war. „Damals versuchte ich, die Energieunternehmen davon zu überzeugen, den Platz der neuen Technologie im Stromnetz zu akzeptieren“, sagt Tzschoppe. „Ich habe viel über Menschen gelernt und darüber, wie schwierig es sein kann, die richtigen Argumente zu finden, damit sie ihren Widerstand gegenüber Veränderungen überwinden.“

Rauf und runter

Diese Argumente werden auch heute noch sehr gut gebraucht. „Wie man eine halbe Billion Euro verliert“, lautete die Überschrift, als The Economist vor zwei Jahren die Verluste der europäischen Energieunternehmen bilanzierte. Von 2009 bis heute hat das schwedische Unternehmen Vattenfall Werte von mehr als 5,5 Milliarden EUR abgeschrieben, und der in Düsseldorf ansässige Energieriese E.ON gibt an, allein im vergangenen Jahr 5,4 Milliarden EUR verloren zu haben. Der Einbruch setzt sich fort, und eine Besserung scheint nicht in Sicht. Wenn die Zeiten so düster sind – warum hat Tzschoppe dann die Position als Vorstandsmitglied für den Bereich Market Operations & IT bei Statkraft übernommen? „Das ist eine spannende Aufgabe in einer Zeit, in der sich die Energiewelt grundlegend verändert“, so Tzschoppe. „Bei Market Operations & IT verknüpfen wir erfolgreiches bestehendes Geschäft mit der Entwicklung ganz neuer Lösungen in Europa und auf dem Weltmarkt. Market Operations & IT hat gro- ßes Potenzial die globalen Energielandschaft zu gestalten, und mir macht es viel Spaß, den Wandel im Spannungsfeld zwischen verschiedenen Kulturen voranzutreiben.“

Sich öffnen

In seiner Zeit bei Statkraft hat er erlebt, dass die EU ehrgeizige Energie- und Klimaziele beschlossen hat (20-20-20-Ziele). Deutschland schafft die Voraussetzungen für die Energiewende, und die meisten europäischen Länder erarbeiten Pläne, um Emissionen zu verringern und den Anteil erneuerbarer Energien zu erhöhen. Viele meinen, dass die Energieversorger einer Unsicherheit ausgesetzt sind, die vergleichbar ist mit der, die Telefongesellschaften erlebten, als Handys auf den Markt kamen. Was sollten Unternehmen wie Statkraft tun? „Dieser Vergleich wird oft bemüht, doch zum Teil auch falsch gebraucht“, sagt Jürgen Tzschoppe. „Ich glaube nicht, dass die traditionelle Energieerzeugung im großen Stil überflüssig wird. Im Bereich der Telekommunikation sehen wir, dass viele Schwellenmärkte ein Festnetz gar nicht erst aufbauen, sondern gleich auf Mobiltelefone setzen. Im Energiebereich werden die großen Ballungszentren weiterhin zentralisierte Netze bauen müssen. Ich erwarte allerdings einen drastischen Wandel in Richtung lokaler Lösungen. Wir befinden uns in einer Phase, in der es schwierig ist, die Geschäftstätigkeit auszuweiten, wenn man sich nicht den Wünschen der Kunden öffnet.“

Der Kunde ist König

In deregulierten Energiemärkten mit freiem Zugang zu Solarzellen und Batterien können die Menschen wählen. Sie denken ganz anders, als es in der traditionellen Top-down-Mentalität der großen Energieunternehmen der Fall ist. Tzschoppe ist der Auffassung, dass all dies in die gleiche Richtung weist: Das Energienetz der Zukunft wird weniger von oben nach unten als vielmehr von unten nach oben gesteuert. „Die Zukunft wird nicht durch eine optimale Lösung entschieden, die sich ein Ingenieur ausgedacht hat“, meint Tzschoppe. „Die Menschen werden das bekommen, was sie auch haben wollen. Und das ist gut, denn so entstehen bessere Produkte und eine kostengünstigere Hardware. In unserem Wirtschaftszweig treiben die Verbraucher bessere Lösungen voran. Hierbei an vorderster Front zu stehen, erfordert Umwälzungen in einem Unternehmen, das es gewohnt ist, in systemischen Dimensionen zu denken.“

Offene Rückmeldungen

Über die Jahre hat Tzschoppe einige wesentliche Unterschiede zwischen der Arbeitskultur in Norwegen und in Deutschland beobachtet. „In Deutschland herrscht eine hierarchische Struktur, wenn auch nicht zu extrem“, meint Tzschoppe. „Dennoch heißt das, dass Deutsche erwarten, dass der höchste Vorgesetzte in einem Raum nach einer Diskussion die Entscheidung trifft. Norwegen befindet sich am anderen Ende der Skala. Entscheidungen werden gern nach einer langen Zeit mit informellen Sondierungen auf dem Flur getroffen. Ein anderer Aspekt betrifft das Feedback: Ich schätze es sehr, wie man in Norwegen in einer offenen und von Respekt geprägten Art und Weise Vorschläge macht und Rückmeldungen gibt. In Deutschland geschieht dies nur in eingeschränktem Maße, und manchmal geht es wirklich hart zu. Und meine niederländischen Kollegen halten sich überhaupt nicht zurück. Die eine Vorgehensweise ist nicht schlechter oder besser als die andere, aber ich bevorzuge eine Mischung statt einer homogenen Kultur. Witzig zu sehen ist aber, wie sich Norweger in knallharte Konkurrenten verwandeln, sobald sie sich aufs Rad setzen. In Oslo wird das Fahrrad nicht als reines Transportmittel angesehen.“ Um selbst an den Gesprächen auf dem Flur teilnehmen zu können, hat Jürgen Tzschoppe begonnen, Norwegisch zu lernen. Es bleibt abzuwarten, ob der Vorstand in Zukunft deutscher wird oder ob Jürgen Tzschoppe eher norwegisch wird.